Der Weg der Kirche ist der Mensch

Nach 35 Jahren, als Pfarrer in der Martinspfarrei, mit einer beachtlichen Anzahl von Verantwortlichkeiten über die Grenzen der Pfarrei hinaus – Verantwortung in kirchlichem und weltlichem Bereich – verlasse ich am 31. Juli dieses Jahres unsere Stadt. Meinen Ruhestand verbringe ich mit Schwester und Mutter in meinem Heimatort Hettenleidelheim.

Abschied nehmen heißt loslassen, lassen und zurücklassen können und doch in Erinnerung behalten die vielen Menschen und Begebenheiten, die mir wertvoll und wichtig waren, an denen ich gewachsen und gereift bin, geworden bin zu dem, der ich heute bin. Ich danke Gott und den Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet gestützt und auch getragen haben – mit Wohlwollen und Zuneigung, die mit mir gerungen, gekämpft und gestritten haben für eine bessere Welt.

Seit 1974 reden und beklagen die deutschen Bischöfe (mit der deutschen Synode) den akuten Priestermangel in unserem Land. Der Vorschlag, geeignete verheiratete Männer (viri probati) zu Priestern zu weihen, ist bis heute von Rom nicht beantwortet bzw. zurückgewiesen worden. Die Neustrukturierung unserer Diözese in „Großpfarreien“ ist die notwendige Folge dieses Sachverhaltes. Sie gibt eine Struktur, die mit Seelsorge gefüllt werden muss. Seelsorge ist Sorge um den ganzen Menschen in seinen Freuden, Hoffnungen, Ängsten und Leiden; ist, zu den Menschen zu gehen, mit ihnen zu leben und zu leiden. Die Versuchung ist groß, sich in dieser Situation aus dem Leben der Menschen zurückzuziehen – in kleine, exklusive Kreise „engagierter“ Christen; kleine „Inseln der Seligen“ zu gründen; in diesen Grüppchen ein „christliches“ Leben führen zu wollen – in Gebet und Gottesdienst.

Dieser Weg kann nicht der Weg der Kirche sein. Jesus weist immer wieder darauf hin: Gebet und Gottesdienst sind nur ein Mittel, um sich um so intensiver den Menschen in ihrer Not zuwenden zu können. Gottbezogenheit zeigt sich im Dienst an den Menschen. Der Weg der Kirche führt von Jerusalem (Ort der Gebete, Opfer und Gottesdienste) hinab nach Jericho (Welt des Lebens, des Handelns und Wandelns). Und auf diesem Weg treffen wir Menschen, die „ unter die Räuber gefallen“ sind, ausgeplündert an Leib und Seele, Opfer gesellschaftlicher und menschlicher Not, Opfer des Reichtums, des Wohlstandes und der Armut.

Die Jünger Jesu sind „Hinlauf-Menschen“, die mit wachen Augen und einem mitleidenden Herzen in das Leben der Menschen hineingehen. Das ist und war die Praxis Jesu. Das hat er gelebt, und dazu hat er die Jünger gesandt.

Wir brauchen keine religiösen „Durchhalte-Zirkel“ sondern Christengemeinden, die die Augen und Hände und Füße Jesu haben und in denen das Herz Jesu schlägt und seine Liebe zu den Menschen pulst. Am Weg nach Jericho offenbart sich uns Glaube. Ich danke Gott, dass er mich auf diesen Weg geführt hat; dass ich immer wieder – wenn auch unvollkommen – diesen Weg gehen konnte. Ich danke allen, die mit mir auf diesem Weg waren.

Der Weg zu den Menschen ist der Weg zu Gott. Deshalb kann Joh.Paul II. Schreiben: „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“

Ich danke allen, die mich in den 35 Jahren und gerade auch bei meiner Verabschiedung mit Worten und Gesten so reich beschenkt haben. An Spenden für unsere Partnergemeinden Shangi/Ruanda und Rodriguez/Uruguay sind bis heute 14.400 € eingegangen. Abschied nehmen heißt loslassen, zurücklassen, lassen – heißt aber auch gelassen sein; denn wir sind nicht verlassen. Wir lassen uns in Gottes Händen, in seinem Segen.

Ihr Norbert Kaiser, Pfarrer


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