Rückblick: 30 Jahre Partnerschaft

von Gisela Rick

Die Pfarrei St. Martin entschloss sich im November 1983, einen Blick über den Tellerrand zu werfen: Wie sieht das Leben von Menschen in anderen Teilen unserer Erde aus? Können wir etwas von ihnen lernen? Brauchen sie unsere Hilfe?

Aus Speyer erfuhren wir von der Partnerschaft zwischen den beiden Diözesen Speyer und Cyangugu in Ruanda. Zu diesem Land im Herzen Afrikas hatte Deutschland schon um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert eine enge Beziehung: Ruanda hatte zu Deutsch-Ostafrika gehört. Dem Ort Ischangi, dem heutigen Shangi, kam schon damals eine besondere Bedeutung zu. Die Gemeinde St. Martin entschloss sich also zu einer Partnerschaft mit dem traditionsreichen Ort. Der Motor des Unternehmens war von Anfang an Pfarrer Norbert Kaiser.

Shangi - St. MartinUnvergessen ist der erste Partnerschaftsgottesdienst, in dem mit einer Brücke aus wackelnden Kisten die Risiken des Vorhabens verdeutlicht wurden. Wie die Brücke halten? Es gab die ersten Schreibkontakte und Brieffreundschaften entstanden. In einem Fall hat diese Verbundenheit per Brief bis heute gehalten. 30 Jahre Treue! Auch von Partnerpfarrer Thaddée Ngirinshuti erhielten wir ausführliche Berichte. Die Aktenordner mit Korrespondenz füllten sich; das Leben der Menschen in Shangi trat plastisch hervor. Wir erfuhren von ihren Bedürfnissen, von dem Mangel, den sie litten, und von großen Hoffnungen, die sie auf uns setzten. So kam es zu Hilfsgütersendungen von beträchtlichem Ausmaß: Nähmaschinen, Medikamente, Kleidung, Einrichtungsgegenstände aus aufgelösten Arztpraxen, sakrale Gegenstände, Rollstühle…

Engagierte Christen der Martinsgemeinde stellten sich in den Dienst dieser Partnerschaft und machten sie zu ihrer Sache. Dabei fanden wir die Unterstützung der Firma Pfaff und des Innenministeriums in Mainz sowie der Bundeswehr, die besondere Transporte per Militärmaschine übernahm. Eine Besonderheit war, dass es seit 1984 in Kaiserslautern 14 ruandische Studenten gab – darunter eine Studentin aus Shangi! – die in der Pfarrei St. Martin ein Stück Heimat fanden und die sich in unser Leben integrierten.

Im Jahr 1985 traten zwei Ereignisse ein, die für unsere Partnerschaft von Bedeutung waren: zum einen der Besuch von Bischof Thaddée Ntihinyurwa (dem heutigen Erzbischof von Kigali) und zum anderen die Reise einer kleinen Gruppe in die Partnergemeinde unter Leitung von Pfr. Kaiser. Nun konnten wir uns selbst ein Bild machen und nach unserer Rückkehr berichten.

In der Partnergemeinde Shangi, zu der zur damaligen Zeit auch Muyange gehörte, entstanden unterdessen Schulen, Pfarrzentren und Mehrzweckhallen, Kirchen und ein Gesundheitszentrum. Shangi hatte damals sechs Zentralen. Die Spendenbereitschaft unserer Gemeindemitglieder und die Hilfe der rheinland-pfälzischen Landesregierung machten diese Vorhaben möglich. Ein Schülerfonds unterstützte schon bald die Förderung ruandischer Kinder aus bedürftigen Familien, und die Eine-Welt-Gruppe hält mit dem Verkauf fair gehandelter Waren aus Ruanda den Gedanken der Gerechtigkeit und der Verantwortung füreinander lebendig.

Mit Anschubfinanzierungen entstanden in Shangi kleine dynamisch Prozesse, die den Versöhnungsprozess nach dem Genozid vom April 1994 förderten – 8000 Menschen waren in der Partnergemeinde dem Völkermord zum Opfer gefallen. Der Schock saß tief. Seitdem findet in der Martinskirche an jedem Freitag ein Gedenkgottesdienst statt mit einem besonderen Gebet für die Menschen in Ruanda.

Eine neue Katastrophe brach im Jahr 2008 über Shangi herein, als ein starkes Erdbeben große Teile des Ortes zerstörte, auch Schule, Kirche und Gemeindezentrum, die mit unserer Unterstützung errichtet worden waren. Zum zweiten Mal musste wieder ganz von vorn angefangen werden.

Partnerschaft ist keine Einbahnstraße. Partnerschaft ist Geben und Nehmen. Shangi hat eine gute Entwicklung gemacht. Für uns ist die Erfahrung von Gastfreundschaft und Dankbarkeit, von Begeisterungsfähigkeit und Zuneigung eine Bereicherung. Die guten Gedanken der Christen unserer Partnergemeinde begleiten uns.

Heute ist der Staffelstab an die jüngere Generation weiter gegeben worden. Das Internet erleichtert den Austausch. Neue Impulse sind hinzu gekommen (AIDS-Hilfe, Bio-Gas- Anlage, Mühlen- und Seifenprojekt, etc.). Der Ruandakaffee →, den wir trinken, stammt aus einem reinen Geben- und- Nehmen-Projekt: die Kaffee-Bauern vor Ort werden unterstützt, ihre kleinen Parzellen nicht zu verkaufen, sondern sich einer Genossenschaft anzuschließen. So wird dem Landraub vorgebeugt und die Kaffee-Bauern müssen nicht als Tagelöhner auf ihrem eigenen Feld arbeiten. Der Kaffee darf nur im Ehrenamt verkauft werden. Auf Gewinn muss zugunsten der Menschen im Partnerland verzichtet werden.

„Tuli inshuti“ hatte uns Pfarrer Thaddée zugerufen: „Wir sind Freunde“!
Unsere Brücke hat gehalten.

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